Vorhölle der Psychiatrie. Brachiales Körpertheater, bei dem nur der Text stört
[Nürnberger Zeitung] Schockschwerenot! Man deklamiert hier wie im Bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts. Die Körper aber sprechen eine andere Sprache. Daher hat Regisseur
Vorhölle der Psychiatrie
Brachiales Körpertheater, bei dem nur der Text stört
Schockschwerenot! Man deklamiert hier wie im Bürgerlichen Trauerspiel des 18. Jahrhunderts. Die Körper aber sprechen eine andere Sprache. Daher hat Regisseur Andreas Nathusius seine drei Akteure, auf die er das Lessingsche Personal im Wesentlichen reduzierte, gleich zur Eröffnung als flotten Dreier unter der Bettdecke toben lassen.

Sara und Mellefont, dazu seine Ex-Geliebte Marwood bilden ein Trio infernale, machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle, zerstören, was sie kaputt macht — getrieben von Sex, Eifersucht, Besitzgier und Verlustangst. Miss Sara Sampson befindet sich bereits im pathologischen Stadium.

Das brachiale Körpertheater dieses Regisseurs, erkauft mit einem blutenden Knie der Titeldarstellerin, ist derart intensiv, dass es neben sechs gestrichenen Personen auch noch den Text einsparen könnte. Der Techno-Soundtrack von Thomas Zahn, der 100 Minuten ohne Unterlass klopft und hämmert, würde genügen.

Gewiss, Nathusius erzwingt nicht gerade die Art von Aufführung, die das örtliche Publikum glücklich macht — wohl aber eine Inszenierung, welche die Jury des Berliner Theatertreffens andiskutieren würde, wenn sich eines ihrer Mitglieder nach Nürnberg verirrte . . .
Nürnberger Zeitung
Eingesperrtes Tier. Premiere von „Misterman“ in der Nürnberger BlueBox
[Nürnberger Zeitung] „Jeder weiß, was ein einziger fauler Apfel in einem ganzen Wagen voll anrichten kann", meint der junge Thomas Magill. Und wenn er nicht seine pflegebedürftige
Eingesperrtes Tier
Premiere von „Misterman“ in der Nürnberger BlueBox
„Jeder weiß, was ein einziger fauler Apfel in einem ganzen Wagen voll anrichten kann", meint der junge Thomas Magill. Und wenn er nicht seine pflegebedürftige Mammy umsorgt oder in Gedanken schon in höheren Sphären schwebt, sieht er es als von Gott gegebenen Auftrag an, seine kleine irische Heimatstadt von Fäulnis, Verdorbenheit und Laster zu reinigen.

Der 1999 entstandene Monolog "Misterman" des irischen Dramatikers Enda Walsh verlangt nach einem klaustrophobischen Spielort und einem ausdrucksstarken, das Extreme nicht scheuenden Darsteller. Beides findet sich in der intensiven Inszenierung in der BlueBox des Schauspiels Nürnberg.

Eine präzise Lichtregie isoliert Thomas oft zusätzlich in Kegeln, Toneinstellungen dagegen bringen die Außenwelt, die verschiedenen Schauplätze in die Inszenierung ein. Auch die Stimmen von Mammy und dem jungen Mädchen, in das Thomas sich verliebt, kommen vom Band. Laute, pulsierende Rhythmen setzen Akzente und verdichten die aufgeladene Atmosphäre (Musik und Sound-Design: Thomas Zahn). Mit "Misterman" hat sich die intime BlueBox erneut als attraktiver Spielort für spannend aktuelle Theatertexte und als Plattform für außergewöhnliche Einzelleistungen des Ensembles bewährt.
Nürnberger Zeitung
Mittendrin in Laserschwertkämpfen. Vorstellung des MP3-Surround-Formats im Fraunhofer Institut – Purer Hörgenuss
[Erlanger Nachrichten] Am Fraunhofer Institut beschäftigte sich zum Auftakt der Vortragsreihe „Faszination Technik“ unter anderem ein Referat mit der MP3 Zukunft. Thomas Zahn
Mittendrin in Laserschwertkämpfen
Vorstellung des MP3-Surround-Formats im Fraunhofer Institut – Purer Hörgenuss
Am Fraunhofer Institut beschäftigte sich zum Auftakt der Vortragsreihe „Faszination Technik“ unter anderem ein Referat mit der MP3 Zukunft. Thomas Zahn (Sounddesign und Musik) und Andre Studt (Referent) präsentierten dazu eine launige Akustik Performance.

Wie sehr akustische Wahrnehmung täuschen kann zeigten Theaterwissenschaftler Andre Studt und Tonmeister Thomas Zahn auf: Klänge hier, Töne dort, Klaviertöne folgen wie von Geisterhand einer Pianistin durch den Raum, das Raum-Zeit-Kontinuum zerbröselt, der Redner spricht im Playback und schließlich gar nicht mehr, obwohl er in den Boxen noch zu hören ist. Technik als Zauberkiste.
Erlanger Nachrichten
Grandiose Groteske
[Donaukurier] Jäh bricht die Wiener Heurigenseligkeit, die mit dem Lied von der „schönen blauen Donau“ schon auf das mitsummende Publikum übergegriffen hatte, ab: Das im Chor
Grandiose Groteske
Jäh bricht die Wiener Heurigenseligkeit, die mit dem Lied von der „schönen blauen Donau“ schon auf das mitsummende Publikum übergegriffen hatte, ab: Das im Chor singende Ensemble wird immer leiser und verstummt; ein fahles Licht erleuchtet den Zuschauerraum; die Szene erstarrt zum Tableau Totenstille im Theater. Und das düpierte, um seine Volkstheaterstimmung betrogene Publikum weiß nicht, woran es ist. ... Wenn diese Inszenierung ... zur wohl besten Aufführung im zu Ende gehenden Theaterjahr geworden ist, so wegen der genau gesetzten, zuweilen auch derb-drastischen Theatereffekte, die mit ihren Verfremdungen und akzentuierenden Einfällen, nicht zuletzt auch wegen der klanglichen Untermalung (Musik & Sound: Thomas Zahn), Horváths bitterböses Volksstück zu einem Panoptikum machen. Eine grandiose Groteske, die hinter der Fassade des gemütlichen, des gesunden Volksempfindens die Grausamkeit der Volksverhältnisse sichtbar macht.
Donaukurier
Touch yourself and think of me
[tanzjournal] Immer wieder hat Daniela Kurz in den vergangenen Jahren mit ihrem Ballett eingefahrene Sehperspektiven des Publikums durchbrochen. Während des Tanzstückes
Touch yourself and think of me
Immer wieder hat Daniela Kurz in den vergangenen Jahren mit ihrem Ballett eingefahrene Sehperspektiven des Publikums durchbrochen.

Während des Tanzstückes werden Wünsche von den Tänzern gesprochen; sie werden lakonisch eingeflochten, wie nebenbei geäußert – ihre Wirkung entfalten sie erst so recht mit dem Tanz. Und das macht die besondere Qualität von Wish Eye Would aus: Daniela Kurz hat für die rasch wechselnden Tänzerkonstellationen Bewegungen gefunden, die eine vornehme Zurückhaltung vor dem Wort ausstrahlen.

Deshalb entwickelt Wish Eye Would nach einem verspielten Beginn schnell eine traumverlorene Atmosphäre, in der die Worte – Wünsche oder Geschichten – keineswegs vom Tanz ablenken, sondern eine sensible Verbindung mit ihm eingehen, einfühlsam akustisch untermalt (Sounddesign: Thomas Zahn). Selbst knallige, witzige Passagen unterliegen der Gesamtstimmung des Abends.

Am Schluss scheint alles in Auflösung begriffen: das energetische, aber emotional perfekt eingesetzte Abheben einer spannenden Choreografie. Nach deren Ende regnen dann im Zuschauerraum Kopien der originalen Wunschkärtchen herab. Mit ihnen bleibt die Erinnerung an ein intensives Tanzstück.
tanzjournal
eye would
[Ballettanz] Sag mir, was du dir wünschst und ich sag dir, wer du bist – so in etwa lässt sich der Impuls beschreiben, aus dem heraus aus dem heraus Daniela Kurz ihr jüngstes Tanzprojekt konzipiert
eye would
Sag mir, was du dir wünschst und ich sag dir, wer du bist – so in etwa lässt sich der Impuls beschreiben, aus dem heraus aus dem heraus Daniela Kurz ihr jüngstes Tanzprojekt konzipiert hat: eine imaginäre Entdeckungsfahrt in die Wunschkammern der Seele einerseits und eine ganz reale Reise in vier verschiedene Länder auf der Suche nach den Wunschmustern der dort lebenden Bevölkerung.

Zu Beginn des Tanzabends Wish Eye Would herrscht tabula rasa. Das Ensemble, ergänzt durch eine Anzahl von Statisten, versammelt zu einer dichten Menge, hält weiße wie Masken vors Gesicht. Dann beginnt der Reigen. Die Karten werden neu gemischt, getauscht, gehandelt. Die Wünsche sind nur das Ausgangsmaterial, nicht der Inhalt der folgenden kurzweiligen Momentaufnahmen.

Elegisch die poetische Variation über die venezianischen Glasbläser. Mit rauchenden Stäben bewegen sich die Tänzer in Zeitlupe wie asiatische Kampfkünstler zu tiefem Bläserton (Toncollagen: Thomas Zahn), um dann nahtlos zum O-Ton eines fränkischen Tabakbauern überzuleiten. Dann geht’s weiter mit einem schottischen Volkslied...

Gelohnt hat sich das Experiment schon wegen der ansteckenden Wunschenergie, die sich mal leise, mal mit voller Wucht auf Tänzer und Zuschauer überträgt.
Ballettanz
Nach einem Spielfilm mit Marlene. Drama über die Schuld: „Das Urteil von Nürnberg“ in Nürnberg erstaufgeführt
[Neue Osnabrücker Zeitung] Amerikanische GIs kontrollieren jeden Theaterbesucher. Dann marschieren sie auf die Bühne, knüppeln den Papierprospekt mit dem Nürnberger
Nach einem Spielfilm mit Marlene
Drama über die Schuld: „Das Urteil von Nürnberg“ in Nürnberg erstaufgeführt
Amerikanische GIs kontrollieren jeden Theaterbesucher. Dann marschieren sie auf die Bühne, knüppeln den Papierprospekt mit dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände nieder und platzieren sich martialisch im roten Gerichtssaal. So effektvoll beginnt die deutsche Erstaufführung des Theaterstücks „Das Urteil von Nürnberg“.

Im Zentrum steht der Prozess gegen die ehemaligen Richter; zwischen Anklage und Verteidigung sitzt das dreiköpfige amerikanische Tribunal; Kreuzverhöre, flammende Verteidigungsreden, Machtkämpfe unter den Ermittlern und intime Szenen der Begegnung zwischen dem amerikanischen Vorsitzenden und der Witwe des deutschen Generals Bertholt ergeben einen drängenden Rhythmus. In rasanten Bildwechseln wird die Handlung vorangetrieben; dramatische Zwischenmusik (Musik und Sound Design: Thomas Zahn) verleiht ihr zusätzliche Dynamik.

Klar gezeichnet die Figuren, stimmig besetzt und überzeugend gespielt. Klug hält Regisseur Kusenberg eine Balance zwischen Infotainment und Betroffenheitstheater.
Neue Osnabrücker Zeitung
Butterfahrt. Uraufführung "Butterfahrt" von Margit Rogall in den Kammerspielen des Nürnberger Schauspielhauses
[Fränkischer Tag] Die Bühne ist wüst und leer, aus dem Off ein süßlicher Schlager aus den Fünfzigern: "Meine Welt ist schön, so schön / seit ich weiss, dass wir zusammenstehn ...". Das ältere
Butterfahrt
Uraufführung "Butterfahrt" von Margit Rogall in den Kammerspielen des Nürnberger Schauspielhauses
Die Bühne ist wüst und leer, aus dem Off ein süßlicher Schlager aus den Fünfzigern: "Meine Welt ist schön, so schön / seit ich weiss, dass wir zusammenstehn ...".

Das ältere Publikum hat diese Schnulze noch im Ohr und kennt den Namen der Sängerin, die jahrelang die Hitparade im ZDF bestritt und zu den Schlagerstars jener Jahre zählte: Renate Kern.

Ihr tragisches Schicksal hat die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Margit Rogall in einem Stück zusammengerafft: "Butterfahrt" wurde jetzt in ihrer eigenen Regie und Ausstattung in den Kammerspielen des Nürnberger Staatsschauspiels uraufgeführt.

Keine Biographie der Sängerin Kern, sondern ein Melodram mit Tiefgang. Elke Wollmann spielt diese Geschichte aus Angst und Verzweiflung mit einer anrührenden Naivität. Und sie singt, selbst einschlägig begabt, in einer raffinierten Mischung aus Playback und Originalton die rührseligen Schlager, die man Renate Kern auf den Leib schrieb - eine Meisterleistung der Ton- und Musikregie (Andreas Schäfer, Thomas Zahn), die die Übergänge und Abbrüche mal harmonisch, mal dissonant gestaltet und damit aufkommende Schnulzenseligkeit dramatisch verfremdet.
Fränkischer Tag
Der Dichter und die Traum-Frauen
[Nürnberger Zeitung] Was stört den wahren Dichter die Einsamkeit, solange ihn die Fantasie nicht verlässt. Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, die am Sonntag im Nürnberger
Der Dichter und die Traum-Frauen
Was stört den wahren Dichter die Einsamkeit, solange ihn die Fantasie nicht verlässt. Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“, die am Sonntag im Nürnberger Opernhaus Premiere hatte, ist in der Sicht von Regisseurin Beverly Blankenship eigentlich ein Ein-Personen Stück: Allein hackt der Dichter seine Einfälle in eine alte mechanische Schreibmaschine, allein und vom Suff geplättet hängt er zu Beginn und am Ende des Werkes in seinem nach oben fahrenden Schreibtischstuhl wie an einem Pranger: Seht her, welch ein Mensch!

Und so ist dieser Hoffmann alles andere als ein langweiliger Schreibtischtäter. Mit ihrem durchdachten und schlüssigen Ansatz schafft Regisseurin Blankenship die Voraussetzung für pralles, emotional fesselndes und doppelbödiges Theater, das ein sehr spielfreudiges Ensemble auf seiner Seite weiß. Zusammen mit Fabrizio Venturas plastischem und stimmungsvoll farbigem, die Tempi je nach Bedarf geschickt straffendem oder verlangsamendem Dirigat gelingt ein großer und zu Recht bejubelter Opernabend, der wieder einmal unter Beweis stellt, zu welch glanzvollen Leistungen das Nürnberger Haus unter günstigen Umständen fähig ist.

Souverän verzichtet die Regie darauf, mit pseudo-männlichen Klamotten Pappas’ Hosenrolle als Nicklausse zu illustrieren. Auch ansonsten zeigt Blankenship ein sicheres Händchen im Umgang mit den verschiedenen Fassungen von Hoffmanns Opern-Torso: Die Dialoge statt der Rezitative sorgen für die nötige Straffheit, dabei bringen Echoeffekte fantastische Verfremdung (Sounddesign: Thomas Zahn). Einige Nummern wurden gestrichen, doch weder die Spiegelarie noch das Septett im Guilietta-Akt – die beide da nach neuerer Lesart gar nicht hingehören – vermisst man.

Einsamer Dichter, lodernde Fantasie: Diese Deutung von „Hoffmanns Erzählungen“ garantiert einen großen Opernabend. Und zehn Minuten ungeteilter Applaus sind für Nürnberg inzwischen wahrlich rekordverdächtig. Hingehen!
Nürnberger Zeitung